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Artikel des Monats

Zeitzeugen-Bericht zum 75. Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1945

Der nachfolgende Bericht wurde uns von einer (inzwischen verstorbenen) Zeitzeugin aus Börnig zur Verfügung gestellt. Die eindrucksvollen Erinnerungen eines Kriegskindes sprechen für sich und benötigen meines Erachtens keine zusätzlichen Erläuterungen, was »Krieg« für die betroffenen Menschen bedeutet. Gerd E. Schug, Börnig

 

 

Ich war 11/12 Jahre, als die Sirenen Tag und Nacht heulten und die Menschen sich in Kellern oder Bunkern verkrochen.

Wir wohnten mit drei Generationen auf dem Bauernhof meines Großvaters. In einem Kellergewölbe richteten wir einen Luftschutzbunker ein, in dem bei Alarm auch immer unsere Nachbarn Schutz suchten.

Als die Angriffe immer hefti- ger wurden, kam mein Großva- ter auf die Idee, einen Bunker zu bauen. Wir wohnten direkt in der Nähe eines Bahndammes, durch den früher mal ein Bach geleitet war. Diesen Bach verlegte man irgendwann ein paar Meter vor und verfüllte die alte Bachröhre mit Erdreich. Die Idee meines Großvaters, hieraus einen Bunker zu bauen, wurde sofort in die Tat umgesetzt. Fast alle Mitbewohner unserer Straße, die älteren Männer (die Jüngeren, mein Vater und mein Onkel waren Soldaten), Frauen und Kinder be- gannen, die Erdmassen aus der Röhre heraus zu schaufeln.

Ein Teil der Bewohner schaufelte von der einen, die anderen von der anderen Seite der alten Bachröhre. Es war ein großer Augenblick, als die Menschen sich in der Mitte trafen. An die Seitenwände zimmerten die Männer Bänke, damit die Kinder dort schlafen konnten, obwohl es dort kalt, zugig und feucht war. Nach vielen Wochen schwerster Schinderei fanden wir dann bei Alarm endlich hier Schutz.

Wir hörten immer den verbotenen Sender ab, den man den »Trapp-Trapp-Sender« nannte und wussten dann, dass die Bomber in unsere Richtung flogen.

Nachts zeigten die Bomber ihre Ziele an, indem sie Leuchtraketen in Form von Christbäumen in den Himmel schossen. Dann wurde es höchste Zeit, sofort in den Bunker zu rennen. Eines Nachts, nach der Entwarnung, stand unser Haus lichterloh in Flammen. Wie gesagt, wir hatten einen Bauernhof und die Scheune und Dachböden waren bis oben hin mit Heu und Stroh gefüllt. In dieser Nacht aber wurde auch Wuppertal mit Brandbomben niedergebrannt und alle Feuerwehren der ganzen umliegenden Städte wurden zum Löschen nach dorthin berufen und wir waren auf uns selbst gestellt. Alle Nachbarn und Verwandten halfen beim Löschen. Mit einer Eimerkette holte man das Wasser aus dem nahe am Haus vorbei fließenden Bach. Das Wohnhaus konnte gerettet werden. Ställe und Tiere wurden ein Opfer der Flammen.

Eine andere Episode: Ich war gerade in der Sexta des Neusprachlichen Mädchengymnasiums gekommen, als die Schulen geschlossen wurden und die Schülerinnen nach Schivelbein in Hinterpommern evakuiert wurden. Da meine Eltern nicht wollten, dass wir so weit Richtung Russland sollten, kamen meine Schwester und ich zu Bekannten nach Valbert-Elminghausen (Sauerland). Dort war der Krieg bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorgedrugen.

In Scherl gab es nur eine Zwergschule, in der alle Kinder aus den umliegenden Orten unterrichtet wurden. Der Fußweg dorthin betrug zwei Stunden — je hin und zurück! Der Lehrer war ein Nazi und er sprach nur von Bombenweibern und Trümmerkindern. Wenn etwas verbockt war, sei es, jemand hatte den Unterricht gestört oder gesprochen, mussten nur meine vier Jahre jüngere Schwester oder ich ans Pult kommen, um uns Backpfeifen oder Schläge mit einem Stock über die Finger abzuholen.

In den Ferien fuhren wir teils mit dem Zug, teils mit dem Fahrrad — je nachdem von wo aus ein Zug fuhr — nach Herne. Als wir einmal wieder ins Sauerland zurück mussten, fuhr der Zug ab Langendreer. Also fuhren wir mit unseren Rädern, meine Schwester im Körbchen bei meiner Mutter, von Herne nach Langendreer. Die Räder waren nicht gut, ständig sprangen die Ketten ab. Was wir auf dieser Fahrt erlebten, sehe ich heute noch immer bildlich vor mir:

Auf dem Bahnhof Langendreer schob ein dicker Bahnbeamter in dunkelblauer Uniform eine Karre mit zwei großen Rädern und einer flachen Brettauflage, die man zum Transportieren von Gepäck benutzte. Auf dieser Karre aufgetürmt langen ca. 10 tote russische Männer. Als der Mann direkt an uns vorbeischob, bewegte sich etwas auf der Karre und der Dicke stieß mit seinem Bein dagegen und schimpfte laut »Und du Hund, du lebst noch!« — Wir waren starr vor Entsetzen.

Ein anderes Mal, bei einer Ferienrückfahrt, mussten wir mit unseren Rädern durch Vorhalle, wo die Russen wie Tiere eingepfercht waren.

Sie Waren voller Hass auf die Deutschen und es muss wohl schon fast zum Schluss des Krieges gewesen sein. Weil ausser uns noch ein paar andere Leute mit Fahrrädern zum Bahnhof Hagen wollten, geleitete uns ein amerikanischer Jeep, besetzt mit vier Soldaten mit Maschinenpistolen auf den Knien, zu unserem Schutz durch Vorhalle.

Wir alle scharten uns mit großer Angst um den Jeep und waren froh, als wir den Bahnhof Hagen zur Weiterfahrt erreichten.

Als der Krieg dann beendet war und die Russen aus den Baracken freigelassen wurden, revanchierten sie sich für ihr Martyrium und es wurde überall geplündert, aber nicht bei uns zuhause. Weil die deutschen Männer im Krieg waren, mussten die russischen Gefangenen für sie arbeiten: Auf den Bauernhöfen, in den Zechen und Fabriken. Man durfte ihnen aber nichts zu Essen geben, es war streng verboten. So war es auch mit den Gefangenen im Börniger Russenlager am Berkel.

Wir hatten einen unmittelbaren Nachbarn der nur in gelber Uniform umherging und jeden anzeigte, der sich nicht an die Nazi-Vorgaben hielt. Mit diesem Nachbarn hatte mein Opa ständig Streit, weil uns dieser anzeigen wollte, da wir unsere russischen Arbeiter mit Lebensmitteln, ja sogar zum Mitnehmen, versorgten. Wir hatten nebenbei einen kleines Lebensmittelgeschäft. Nach getaner Arbeit wurden sie richtig beköstigt. Als uns wieder mal der Nazi-Nachbar deshalb nicht in Ruhe ließ, fasste mein Großvater ihn an die Kehle und sagte, er würde ihm diese zudrücken, wenn er uns nicht in Ruhe ließe. Seine Devise wäre: Wer arbeitet, muss auch essen! Wir hatten Angst, dass der Nazi-Nachbar etwas unternehmen würde. (Dieser Nazi Nachbar ist nach dem Krieg von Börnig weggezogen. Er konnte sich im Dorf nicht mehr sehen lassen.)

Die Behandlung gegenüber den Gefangenen zahlte sich bei deren Freilassung und den folgenden Plünderungen aus. Mehrere Russen hielten Nacht für Nacht bei uns Wache, damit wir von ihren Landsleuten von Gemetzel und Plünderei verschont blieben.

Auf dem Bauernhof im Sauerland, wo wir evakuiert waren, lebte und arbeitete eine junge Russin, welche wie ein Kind im Haus behandelt wurde. Als später alle Russen zurück mussten, hat sie sich lange Zeit versteckt und war dann ganz ganz traurig, weil sie dann doch weg musste.

Kurz vor Kriegsende spürten wir dann auch im Sauerland die Angriffe der Amerikaner. Ganz schlimm waren die Tiefflieger. Sie flogen den ganzen Tag und beschossen Menschen und Tiere, sobald sie welche erblickten.

Inzwischen waren die deutschen Soldaten, die sich in der ganzen Gegend in Zelten aufgehalten hatten, geflohen und ließen alles zurück. Wir Kinder waren begeistert von den Dingen, die wir überall fanden. Soldaten-Tornister mit Fell bespannt (wir hatten bestimmt 20 Stück davon), runde Dosen Schoka-Cola usw. Unter anderem fanden wir auch kleine Stövchen mit dazu passenden kleinen weißen Würfeln, die wir dann anzündeten und so ein kleines Öfchen hatten.

Aber es lagen auch überall schwarze Stangen herum, teils in dicken Metallröhren oder einfach so zerstreut. Im Nachhinein hörten wir, wie gefährlich dies war, da es sich bei den Stangen um Pulverstangen handelte.

Da es in dieser Jahreszeit schon sehr warm war, lagen die ganzen Weiden voller Kadaver von Kühen und Pferden, getötet von den Tieffliegern mit ihren Maschinengewehren. Die Tiere hatten aufgequollene Bäuche und es dauerte eine ganze Zeit, bis sie entfernt wurden. Es roch ganz übel.

Zum Schluss noch ein Nachtrag aus meiner Erinnerung:

An unserem Haus in Börnig fuhren ständig die überfüllten Hamsterzüge vorbei in Richtung Dortmund. Von dort fuhren die Hamsterer weiter ins Münsterland. Die Menschen lagen flach auf den Dächern und hingen außen an den Waggons wie Trauben, nur um ins Münsterland zu fahren, um etwas Speck, Wurst oder ein paar Kartoffeln zu erbetteln oder zu tauschen.

Als der Krieg zu Ende war wurden im Güterbahnhof die Waggons, die dort abgestellt waren, von den Menschen einfach aufgebrochen.

In den aufgebrochenen Waggons befanden sich Säcke voller Kartoffeln, Butter, Mehl, Butterschmalz und Garn. Es war ein ganz dünnes weißes Garn, das man später »Güterbahnhofsgarn« nannte und aus Welchem alles gemacht und mit dem auch getauscht wurde. Da mein Vater Bahnbeamter war, haben wir selbst nichts geholt, bekamen aber Garn geschenkt. Daraus wurden Gardinen geknüpft, Socken, Schlüpfer, Büstenhalter usw. gestrickt oder gehäkelt. Die Not macht erfinderisch.